Auswanderungen nach Amerika im 19. Jahrhundert

Aus Geschichte im Hinterland
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Vortrag von Adolf Reitz † am 22. Oktober 1990 in Treisbach.

Vorstellung: Mein Name ist Adolf Reitz, ich bin Jahrgang 1924, gehöre also schon zu den Senioren, sagen, wir ich bin ein junger Alter. Vielleicht kennt mich der Eine oder Andere von landwirtschaftlichen Versammlungen her, denn ich bin bzw. war Landwirt oder Bauer, wie sicher einige von Euch.

Ich komme aus Kleingladenbach, jetzt Gemeinde Breidenbach, einem Dorf, das schon 913, also vor über 1000 Jahren, erstmals erwähnt wurde. Ein Dorf, das zum Untergericht des Breidenbacher Grundes gehörte, einem Siedlungsgebiet, das 21 Dörfer umfaßte, von Weifenbach bis Lixfeld, rund einem Drittel des Altkreis Biedenkopf. Es war ein geschlossenes Siedlungsgebiet, das sich nicht nur durch die Tracht von anderen Ämtern unterschied. Es war vor allem die Realteilung, aus der Ganerbschaft (Gan-Familie) entstanden, die dafür verantwortlich war, daß es hier keine größeren Höfe gab. So war es auch in meiner Familie. Meine direkten Vorfahren stammen zwar alle aus damals größeren Höfen, mit Lehngut, was erst viel später geteilt wurde, doch sie waren nachgeborene Kinder und übernahmen um 1850 eine Hofreithe von Auswanderern. Der Hausname war Kaspersch und der blieb beim Haus, egal ob man sich zunächst Wagner oder später Reitz schrieb. Ich glaube, das ist auch hier so. Speziell diese Herkunft, verbunden mit dem Wissen und den Erzählungen meines Großvaters, erweckten schon in dem kleinen Jungen ein besonderes Interesse an diesem Thema. Es dauerte aber bis in die 1980er Jahre, bis ich durch Kontakte mit den Nachkommen ehemaliger Emigranten, wie sie sich dort nennen, entfernten Verwandten, denen ich behilflich sein konnte, einen näheren Bezug zu diesem Thema erhielt. So forschte ich nun in den Kirchenbücher, in Chroniken verschiedener Dörfer, auf dem Speicher der Familie Scherer, Vorfahren urgroßmütterlicherseits, mit den Scherern in Dagobertshausen verwandt, dem Staatsarchiv in Marburg, was es nun auf sich hatte mit der Auswanderung nach Amerika. Komplettiert wurde dies alles durch Briefe aus den USA, durch Akten der St. Pauls Church, die im Jahr 1985 ihr 125-jähriges Bestehen feierte, Karten und Bildern, die mir übersandt wurden und nicht zuletzt durch den Besuch von 2 ev.-luth. Pastoren, Robert und Armin Reitz mit ihren Ehefrauen im Sommer diesen Jahres. Hinzu kam natürlich auch ein intensives Studium mit dem Deutschland des vergangenen Jahrhunderts, wie auch das der USA, diesem Subkontinent, der nach seiner Entdeckung alle Vorstellungen der alten Welt sprengte.

Ein riesiges Land, nur von nomadisierenden Indianern bewohnt, lud direkt zur Inbesitznahme ein. Zunächst waren es die Spanier in Mexiko und den angrenzenden Gebieten. Dann waren es die anderen seefahrenden Nationen, Franzosen, Niederländer, vor allem aber die Engländer, die von der Ostküste her in dieses Land eindrangen. Erst viel später erfahren wir von Deutschen, einer religiösen Gruppe aus Krefeld, die vor gut 300 Jahren in Philadelphia Zuflucht gefunden hatte. Mister Penn, ein Engländer, hatte Pennsylvanien in Besitz genommen hatte und stellte es sozusagen religiös Verfolgten zur Verfügung.

Die erste größere Auswanderung in unserem Gebiet wurde aus dem Altkreis Wetzlar gemeldet. Der Weiler Mühlbach bei Ehringshausen, wanderte geschlossen um 1740 nach Amerika aus und gründete in dann Pennsylvanien den späteren Ort Millbach. In der Chronik von Hesselbach, unseres Nachbarorts in Wittgenstein, jetzt Nordrhein-Westfalen, zum 1150-jährigen Bestehen, wird der Brief eines Johann Henrich Reuter abgedruckt, im Jahre 1754 dort geboren, der am 30. Okt. 1783 als Sergeant der britischen Krone an seine Geschwister schrieb, daß er in Neu-Schottland bleiben wolle, mit einer Deutschen aus Ebersbach verheiratet sei und 200 Morgen Land nebst Hausrat und für ein Jahr Lebensmittel von der britischen Krone erhalte.

Offenbar wollte man mit der Ansiedlung ehemaliger Soldaten das Land absichern, denn auch Reuters Schwager war ebenfalls ein Deutscher. Ob seine rosigen Träume in Erfüllung gingen, ist zu bezweifeln, doch eines ist sicher, er war dort »allemal ein freyer Mensch«, was er in Deutschland zur damaligen Zeit nicht war. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, mit Hilfe Steubens, dem preußischen Lehrmeister der US-Armee, von den Rebellen unter Washington gewonnen, schaffte nun neue Verhältnisse. 13 Staaten an der Ostküste von Georgia im Süden bis Maine im Norden, den sogenannten Gründerstaaten, erweiterten bald ihr Territorium bis zum Mississippi. Sichern konnten sie diese Gebiete nur mit neuen Einwanderern aus Europa. Waren bis dahin die Engländer, nicht nur an der Spitze, sondern auch der Zahl nach beherrschend – die USA hatten damals rund 3 Millionen Einwohner – so sollte sich dies bald ändern. Das im Jahr 1820 gegründete Einwandererbüro vermeldete, daß bis zum Jahre 1880 Deutsche und Iren gemeinsam, die Hälfte der Einwanderer stellten. Sie bildeten mit den Briten, Niederländern und Skandinaviern den sogenannten »Old Stock«, die führende Schicht, denen erst später die Süd- und Osteuropäer folgten; die französischen Interessen lagen, außer Louisiana, ohnehin in Kanada. Bis vor 15 Jahren stellten die Deutschen mit knapp 7 Millionen der Zahl nach die größte Einwanderergruppe. Zählt man ihre zahlreichen Nachkommen hinzu, so ist sicher nicht übertrieben, wenn 40 % aller US-Amerikaner mehr oder minder deutsche Vorfahren haben.

Wie aber ging es nun in Deutschland weiter? Mit der französischen Revolution 1789 begann sich auch in Deutschland einiges zu bewegen. Die Kleinstaaterei, die napoleonischen Kriege und sicher auch die fehlende Schulbildung ließen 30 Jahre verstreichen, ehe Wesentliches geschah. Lediglich der Pfarrer zu Fischelbach berichtet ebenfalls in »1150 Jahre Hesselbach«, daß allein 1805 in seiner Pfarrei mit Hesselbach, Bernshausen und Sohl 101 Personen nach Amerika ausgewandert seien; übrig blieben noch 527 »Seelen«, schreibt der Pfarrer Douteil und nennt »Krankheiten und Theuerungen«, die zu diesem Aderlaß geführt hätten.

Die Auswanderung aus unserem Gebiet, der eigentlich Exodus, begann etwa um das Jahr 1830 und hatte seinen Höhepunkt 1854, danach gingen die Zahlen ständig zurück, von einem kurzen Anstieg Ende der sechziger Jahre abgesehen. Was waren die Ursachen? Die nach und nach verbesserten hygienischen Verhältnisse hatten dazu geführt, daß die Zahl der lebenden Kinder ständig anstieg. Schutzimpfungen wurden eingeführt, doch die Erträge des Bodens kam nur langsam nach. Hungersnöte waren die natürlichen Folgen, denn die Zahl der Mäuler liefen den Ernten davon, insbesondere, als es in den 40er Jahren zu einer »geheimnisvollen« Kartoffelkrankheit kam, die in der Mitte der 50er Jahre nach der Züchtung neuer Sorten zum Stillstand kam.

Parallel dazu kam es nach der Bauernbefreiung, die erst nach den Reformen um 1820 so richtig griff, zu einer zunehmenden Verschuldung der Landbevölkerung durch die Leistung von Ablösezahlungen und der städtischen durch industrielle Fertigungen, die die Zünfte immer mehr vernichteten. Bezeichnend für diese Entwicklung war die Gründung der Bezirkssparkasse Biedenkopf im Jahre 1832, aus der später die Kreissparkasse Biedenkopf entstanden ist. Gewährsträger waren 21 Gemeinden, die Pfarrer aber oft Anreger.

Andererseits hatte mit der Erfindung der Dampfmaschine die Technik in der Seefahrt eingesetzt. Im Jahre 1807 hatte das erste Dampfschiff den Hudson River befahren, doch noch lange beherrschten die Segelschiffe die Meere.

Damit wären wir beim Hauptthema angelangt: Wie viele Menschen aus unserer Gegend, aus unseren Dörfern sind ausgewandert und wie kamen sie dorthin? Vergleichen wir in unseren Dörfern die Einwohner- und Schülerzahlen zwischen 1825 und 1885, so stellen wir fest, daß sie sich kaum verändert haben. Zwischenzeitlich vor allem in den 50er und 60er Jahren, jedoch deutlich höher waren. In fast keiner Chronik, die ich zu Rate zog, finden sich genaue Zahlen. Wenn Menges auch 1936 für Wallau über 100 Namen angibt, so dürften auch diese nur unvollständig sein. Woran liegt dies? Weder in den Kirchenbüchern, noch bei den seit 1875 zuständigen Standesämtern finden wir verlässliche Angaben. Die Zuständigkeit lag hier eindeutig bei den Gemeinden, die Akten liegen jedoch nirgendwo vollständig vor.

Eine Ausnahme, die ich durch Zufall entdeckte, ist die Chronik der Gemeinde Antrefftal im Vogelsbergkreis. Vier der fünf Ortsteile sind katholisch, die Einzigen im früheren Kreis Alsfeld und gehörten zu Neustädter Sprengel. Hier hatten die Pfarrer Buch geführt und jeden mit dem Geburtstag und Auswanderungstag, oft sogar mit dem Zielort vermerkt. Über den ev. Ortsteil Bernsburg liegen dagegen keine Angaben vor. Die Dörfer des Amtes Katzenberg,[1] Ruhlkirchen, Ohmes, Seibelsdorf und Vockenrod hatten im Jahr 1869, in der Mitte der Auswanderungswelle, zusammen 1694 Einwohner. Insgesamt werden 512 Namen angegeben, d. h., daß rund 22 % der Bevölkerung die Heimat verließ. Zu bemerken ist hier, daß nur ganz selten Familien geschlossen auswanderten. Zumeist waren es mehrere Geschwister aus offenbar kinderreichen Familien. Zum anderen finden wir auch nach 1900 noch viele Einträge, einer Zeit, in der in unserem Gebiet Siegerland und Bergisches Land die USA abgelöst hatten. Auffallend auch der verbreitete Eintrag Detroit. Offensichtlich fand man dort Landsleute, Freunde und Bekannte, welche die Eingliederung erleichterten.

Ganz anders stellte sich dies in meiner Heimatgemeinde dar. Hier wanderten zumeist ganze Familien aus. Sie gehörten fast allen Altersklassen an. Oft wartete man, bis die Eltern verstorben waren, manchmal zogen sogar die alten Leute mit. So habe ich inzwischen 10 Familien festgestellt, die zuvor Häuser und Grundvermögen verkauften. 10 von 40, also allein hier ein Anteil von 25 %. Dies ist diesen Menschen sicher nicht leicht gefallen. Doch darüber später mehr. Leichter taten sich sicher die jungen Leute beiderlei Geschlechts, der Heimat Adieu zu sagen. Ein kleine Abfindung von Eltern oder Geschwistern‚ das Leben noch vor sich, hatten sie wenig zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Insgesamt könnten sich die Zahlen bei uns um ein Drittel bewegen. Dies ist ein Aderlaß, den manche Dörfer oder Städte nicht verkraften konnten, so hatte Biedenkopf z. B. fast die Hälfte der Bevölkerung verloren. Dahin konnten auch die Staaten diese Dinge nicht treiben lassen. Verhindern konnten sie sie nicht, so wollte man sie wenigstens reglementieren. Man erließ Gesetze und Verordnungen, richtete Vertretungen in Abfahrts- und Ankunftshäfen ein. Daneben war die Auswanderung auch ein großes Geschäft für die Agenturen und Schiffseigner gleichermaßen und wo es Geld zu verdienen gibt oder gab, hielt zu allen Zeiten die Gemütlichkeit auf. Allen diesen Dingen ist eine Akte im Staatsarchiv Marburg gewidmet, die uns über das »Wie« breite Auskunft gibt.

Beginnen wir mit der Druckschrift aus dem Jahre 1934, herausgegeben von der »Deutschen Gesellschaft für Maryland« und dem Lande Württemberg, die auswanderungswilligen Menschen in der Heimat die neue Welt näher bringen wollte. Zu Maryland gehört auch Baltimore, der zweitgrößte Hafen der Ostküste und so verstand man sich auch als Hilfsverein für gestrauchelte Emigranten. Ihr gehörten beide Konfessionen und auch Hebräer an.

Zunächst einmal sei der Zeitpunkt der Anreise wichtig. Bei normalerweise 50 Tagen für Bremen–Baltimore, die Schiffseigner mußten jedoch für 90 Tage Versorgung vorhalten, schlug man Frühjahr oder Vorsommer für alle Häfen der Ostküste vor. Für New Orleans an der Mississippimündung sei jedoch der Herbst vorzuziehen, da der große Strom im Sommer wegen der Fliegen und Mücken nicht zu befahren sei.

Wer hatte Chancen in der neuen Welt? Offenbar hatte man nicht immer gute Erfahrungen gemacht. So heißt es, wer schon zuhause ein »aufsässischer« Mensch war, ist nur wenig geeignet, mit den Anforderungen dieses Landes fertig zu werden. Beste Chancen werden den Landwirten und Handwerkern eingeräumt, Kaufleute seien jedoch schon in der Überzahl. Geringe Aussichten hätten auch Forstmänner, da es eine Forstwirtschaft wie zu Hause nicht gibt. Auch Gutsverwalter würden nicht gebraucht.

Wohin verwies man 1834 die Landwirte? Ohio, noch in Reichweite der Küste war »in«. Wenn auch hier die Landpreise mit 1 1/4 Dollar (etwa 3 Gulden) je Arce (rund 40 Ar) höher seien als weiter westlich, so fände man doch erschlossenes Land und bessere Absatzchancen vor. Im Übrigen sollte man sich besser in einer Gegend ansiedeln, in der dieselben Früchte wie in der Heimat angebaut würden. Den Süden mit Welschkorn (Mais), Tabak und Baumwolle solle man meiden, da diese Klimaten weniger verträglich seien und die billigen Sklavenlöhne die Verdienstmöglichkeiten einengten, überhaupt wäre anzuraten, zunächst einmal auf Zeit auf einer Farm zu arbeiten, um Geld zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln. Selbst Pacht wäre zunächst einem Kauf vorzuziehen. Die Etablierten der Ostküste gingen schon wieder auf Sicherheit.

Was sollten die Einwanderer mitbringen? Wenig Gepäck, da alles über 1 Zentner viel Geld kostet. Später wurde die Taxe auf 2 Zentner erhöht (für Erwachsene). Zum Anderen gäbe es vieles hier billiger und für die Gegend besser geeignet. Z. B. eine Frau könne zwar Leinen mitbringen, aber nicht für ihr ganzes Leben. Hier gibt es Baumwollstoffe billig und gut, leicht und dem Klima angepaßt. Bargeld sollte man sicherheitshalber nicht zuviel mitführen. Spanische und Amerikanische Thaler, Brabanter Gulden und Französischen Franken seien Preußischen Thalern vorzuziehen, weil deren Umtauschkurs einfach zu schlecht sei. Am besten seien Wechsel sicherer Handelshäuser, oder einen Teil zu Hause zu lassen und bei Bedarf abzurufen. Warnen müsse man vor leichtfertigem Umtausch, da zur Zeit viel »Zettelgeld« kursiere. Echt sei es, wenn »Bank of the United States« darauf stehe und mindestens 5 Dollar betrage. Offenbar aus schlechten Erfahrungen, stellte man den Wert familiären Bindungen heraus. Sie schützten vor üblem Umgang und Alkoholmißbrauch, der schon bei manche Emigranten zur Hilfsbedürftigkeit geführt habe. So warnte man auch, mittellos und ohne Paß zu emigrieren, da man oft nur als Sklave auf Zeit überleben könne, manche seien sogar schon zurück transportiert worden.

Die Frage der amerikanischen Staatsangehörigkeit war zunächst wohl das geringste Problem. 5 Jahre müßte man ohnehin warten und davon das letzte im gleichen Bezirk gewohnt haben. Der Preis betrug 3 Dollar, der einzige Vorteil sei, daß man nun ein Amt begleiten könne, Steuern müsse man ohnehin zahlen.

Doch wieder zurück nach Deutschland. Was geschah eigentlich hier? Die erste Akte stammte aus dem Jahr 1805. In hessischen Landen warben ausländische Agenten, genannt wird die Fa. Willie & Co aus Amsterdam, für Florida und Lousiana. Verantwortungslos nennt das die Regierung und weißt die »Kreisräthe« an, dies zu unterbinden.

Dann überzieht Napoleon Deutschland und Europa mit Krieg. Auswanderung ist kein Thema. 1819 ist das wieder anders. Preußen ist inzwischen die führende Macht in Deutschland geworden. Alle Wege zu den Häfen führen nunmehr über preußisches Gebiet, sie sind nun die Ordnungsmacht und verlangen bei der Durchreise ein Visum und den Nachweis der Unbescholtenheit. Dem schlossen sich die übrigen Länder an. Ausreiseanträge und Aufgebote mußten bestellt werden, alle Schulden reguliert sein, daß niemand Schaden erlitt.

Mindestanforderungen wurden an Reeder, Schiffahrtsgesellschaften und Agenturen gestellt. Kautionen wurden verlangt, zur finanziellen Absicherung der Kinder. Bei Nichtbeachtung erfolgte Lizenzentzug. Die ersten gesetzlichen Bestimmungen für Hessen-Darmstadt stammen aus dem Jahr 1841. Sie legen genau fest, was General-, Haupt- und Nebenagenturen zu tun hatten. Doch der Erfolg blieb aus, die Klagen und Beschwerden mehrten sich mit der Zahl der Auswanderer. Immer schärfere Kontrollen wurden eingeführt, doch diesen verdanken wir letztlich die wichtigen Details.

Wer waren nun aus unserem Raum die Agenten? Am 27. Sept. 1846 stellte der Kaufmann Chr. Theiß aus Gladenbach und am 13. Okt. 46 die Biedenköpfer O. Plitt, J. G. Sohn und P. W. Heinzerling Anträge auf Conzessionierung. Hierzu mußten sie nicht nur ein entsprechendes Vermögen nachweisen, sondern auch Pfandbriefe von 3000 fl. zeichnen, die sie auch noch jährlich verzinsen mußten. Dies wird sicher im kurhessischen Raum kaum anders gewesen sein. Die Verträge als solche waren relativ kurz. Sie besagten:

1. Der Inhaber der Agentur darf niemanden anwerben.

2. Er muß genau Register führen. Dies muß den Tauf- und Familiennamen, den bisherigen Wohnort, den Tag des abgeschlossenen »Contrakts«, den Tag und den Ort der Abfahrt, sowie den Bestimmungsort enthalten. Außerdem muß er garantieren, daß bei Ankunft 20 Gulden ausgezahlt werden. Letzteres war wohl als Absicherung gegen Mittellosigkeit gedacht, ein Grund, der öfters von den USA beim Zurückschicken genannt wurde, anders gesagt eine Aufnahmegebühr. Mit diesen Verträgen wollten sich die heimischen Staaten auch absichern, daß die Untertanen nicht so einfach davon laufen konnten. Der Agent durfte nur jemand befördern, der ordnungsgemäß einen »Antrag auf Entlassung aus dem Unterthanenverband« gestellt, die Zustimmung der Gemeinden hatte und nur nach Zahlung aller Steuern und Abgaben erhielt er einen Paß. Ein Hinderungsgrund konnte der nicht abgeleistete Wehrdienst sein. Man konnte sich auch davon freikaufen, doch wer hatte schon die Mittel? So finden wir bei Menges in der »Wallauer Chronik« den Eintrag »ist ohne Entlassung ausgewandert« oder »wollte den Militärdienst nicht ableisten«. Diese jungen Männer wiederum waren keine Kundschaft für eine »conzessionierte Agentur«. Sie mußten den risikoreichen Weg gehen, von denen in unseren Dörfern immer wieder gesprochen und oft Opfer von »Freibeutern« wurden.

Doch wie sollte ein Kaufmann aus Biedenkopf, Gladenbach oder auch Wetter die vorgenannten Bedingungen garantieren? Sie brauchten wiederum Haupt- oder Generalagenten, die für unseren Raum in Gießen, aber auch in Hannoversch-Münden saßen. Bis zum Bau der Main-Weser-Bahn mußten die Auswanderer bis dort auf Fuhrwerken gebracht werden. Später war es dann Marburg. Doch auch diese waren auf die großen Handelshäuser der Hafenstädte angewiesen, die wiederum die Schiffe anheuerten.

Der Paragraph 1 jedoch war noch schwerer einzuhalten, keine Kunden anzuwerben, für Kaufleute, die Geld verdienen wollten. Anderseits lesen wir, daß der Staat seine Anforderungen immer höher schraubte. Am 15 Febr. 1851 richtete Georg Plitt J. G. Sohn, Biedenkopf ein Schreiben an die Gr. Hessische Regierung in Darmstadt, in dem er bat, den nunmehr auf 6000 fl. erhöhten Betrag, d. h. weitere 3000 fl., in Immobilien hinterlegen zu können. Nach einer erheblichen Geschäftserweiterung, er betreibe sowohl eine Strumpfstrickerei, wie auch eine Korbflechterei, in denen er fast 300 Personen beschäftige, könne er zur Zeit die baren Mittel nicht aufbringen. Im Interesse der Beschäftigten bat er um Genehmigung seines Antrags, dem auch die Stadt zustimmte. Sie fügte noch hinzu, daß dem ganzen Gebiet ein großer Schaden zugefügt würde, wenn die Auswanderer auf kurhessische oder nassauische Agenturen angewiesen seien, zumal mit dem Handelshaus Lüdering & Co in Bremen ein leistungsfähiges Haus zur Verfügung stehe.

Wenn auch keine Antwort in den Akten vorliegt, so zeigen weitere Entragungen, daß das Geschäft weiter betrieben wurde. Es scheint ja auch ein sehr einträgliches gewesen zu sein und so verwunderte es auch nicht, daß auf diesem Markt auch noch andere herum grasten. Leute ohne »Conzession«, die die Preise drückten und Kunden wegschnappten. Ärger hatten die Auswanderer aber oft mit beiden, denen mit oder ohne Conzession. So waren die Klagen bis zum Herrn Kreisrath durchgedrungen und er forderte im Jahre 1852 seine Bürgermeister auf, Meldungen über ihnen bekannte Mißstände in ihrer Gemeinde zu machen. Hier eine kleine Auswahl der Antworten:

Aus Laisa waren Einige über Hamburg und London nach drüben gefahren. Sie waren von den unterwegs zugestiegenen Engländern, insbesondere jedoch den Iren, »beklagenswert hart behandelt worden«.

Hatzfelds Bürgermeister warnte eindringlich vor einem Agenten namens Hembach aus Biebrich in Nassau, der aus Biedenkopf stammen soll. Er vermittelt seine Kunden über Mainz und London und ihm werden die »verschiedensten Mängel« vorgeworfen.

Aus Engelbach waren junge Leute mit Hermann Born aus Eckelshausen gefahren. Während einige zufrieden mit ihm seien, gibt es von dort aber auch Tadel. Am Ärgsten sei es jedoch Gertraud Hallenberger gegangen. Sie hatte ihr »Schiffsgeld« an Georg Plitt J. G. Sohn, Biedenkopf gezahlt. Während sich alle übrigen Mitfahrer gemeldet hätten, fehlte von ihr jede Spur. Da vermuteten die Leute, daß sie vom Agenten verkauft worden sei.

Auch aus Friedensdorf wird gemeldet, daß sich dort ein Mann nach 14 Monaten noch nicht gemeldet hat.

Eckelshausen meldet, daß Born sein Fuhrgeschäft inzwischen aufgegeben hat und dies von Johannes Weber, Buchenau übernommen wurde. Er und auch Georg Thomä, Wolzhausen mischten wohl auf beiden Seiten mit. In Biedenkopf als Fuhrleute, anderorts aber auch als Agenten, während Gönnerns Bürgermeister nach dessen Befugnis fragte. Dort, wie im Gladenbacher Raum, war Kaufmann Theiß hauptsächlich tätig und er galt allgemein als seriös und zuverlässig.

Doch kam es auch durchaus zu unterschiedlichen Beurteilungen. So war Wilhelmine Lotz aus Hatzfeld mit »mehreren Consorten« aus Weifenbach mit Joh. Weber nach Bremen gefahren. Dort mußten sie mehrere Tage auf das Schiff warten und es kam zu erheblichen Mängeln. Es fehlte an Unterkunft und Verpflegung. Demgegenüber seien die mit Georg Thomä gefahrenen besser dran gewesen.

Daß man aber auch auf ganz andere Weise nach Marburg kommen konnte, zeigt die Antwort von Bürgermeister Ciliox aus Achenbach. Von dort waren welche mit dem »Theophel sein Knecht aus Breidenbach und dem Bürgermeister sein Sohn« gefahren. In einem Fall nannte er den »Ochsenfuhrmann« Adam Müller III. aus Niederdieten. Immer mehr Akten sammelten sich dann aber von Thomä an. Johann Bamberger, Damshausen hatte ihn in mehreren Fällen »denunziert«, heißt es da. »Er habe seine Kompetenzen überschritten und sei in Bremen tätig gewesen«. Das war gegen Recht und Ordnung und so kam es zu dem nachfolgenden Erlaß:

„Biedenkopf, den 7. Jan. 1854

Betr. Beförderung von Auswanderern durch s. g. Winkelagenten, insbesondere durch Georg Thomä zu Wolzhausen, Kreis Biedenkopf.

Das Großherzogl. Kreisamt Biedenkopf an die Gendarmen des Kreises Biedenkopf.

Fuhrmann Thomä zu Wolzhausen ist bereits wegen Zuwiderhandlungen gegen die Verordnung vom 25. Jan. 1851 betr. die Beförderung von Auswanderern vielfach angezeigt, auch mehrfach bestraft worden. Nichts destoweniger soll derselbe nach vorliegenden Beschwerden sein verbotenes Treiben fortsetzen, weshalb Großherzogliches Ministerium des Inneren angeordnet hat, auf denselben, wegen Verletzung der Vorschriften der Verordnung vom 25. Jan. 1851 ein wachsames Auge zu richten, wonach sie sich zu achten haben. Trapp.

Abschrift genommen für Grund Breidenbach.“

Es dauerte nicht lange, bis die ersten Anzeigen eingingen, und dann gleich drei an einem Tag.

„Anzeige gegen J. Georg Thomä, Wolzhausen.

Übertretung der Verordnung vom 25. Jan. 1851 das Auswandererwesen betreffend.

Obengenannter hat sich am 29. Mai folgende Polizeiübertretung zu Schulden kommen lassen – derselbe hat den Georg Weber mit seiner Familie von Kleingladenbach, welche nach Amerika ausgewandert sind, übernommen dieselben per Achs nach Marburg zu bringen. Von da ab begleitete aber Thomä dieselben per Eisenbahn bis Bremen, ohne daß er auf irgend eine Art berechtigt ist.

Breidenbach, den 6, Juni 1854 Schäfer, Gendarm“

Gleichlautende Anzeigen erstattete er im Fall Jacob Schmidt, Kleingladenbach und Johannes Seibel V. zu Wiesenbach. Thomä war also mit 3 Familien unterwegs gewesen. Ob sich seine Tätigkeit für jene jedoch negativ ausgewirkt hat? War er doch ortskundig und mit den Dingen dort vertraut. Wahrscheinlich war es gerade dies, daß er soviel Kundschaft hatte. Übrigens war es selten, daß Einzelne fuhren, wenn nicht Familien, so waren dies meist Gruppen, so z. B. am 19.7.1853 als »Heinrich Achenbach und Johannes Born nebst mehreren Consorten« mit Thomä gefahren seien. Im Jahr 1857 wird Hch. Thomä, wohl der Sohn, als Unteragent genannt. Sein Hauptagent war Laukart, Gießen und Generalagentur die Fa. Klingenberg in Bremen. Neben ihm hatte auch Weber, Buchenau; Marburger, Bromskirchen; Gg. Thome, Ludwigshütte, sowie Müller und Schulhof aus Gladenbach Conzession. Oft hatten mehrere die gleichen Haupt- bzw. Generalagenturen und Bremen als alleiniger Abfahrtsort. Der Senat der Hansestadt hatte sich inzwischen auch sehr viel Mühe gegeben. Sie stellte Empfangskomitees und Unterkünfte zur Verfügung. In jährlichen Berichten gaben sie Auskünfte über Passagierpreise und Abfahrtszeiten. Fast wie bei heutigen Fahrplänen lesen sich dann die Abfahrts- und Ankunftszeiten an den verschiedenen Häfen, die Namen der Schiffe und Eigner, die Kapitäne und die Anzahl der Passagiere. Deutsche und ausländische Schiffe waren gleichermaßen beteiligt. In den 50er Jahren warb die Norddeutsche Lloyd mit Dampfschiffen von 2000 BRT und 700 PS. Unterschiedlich waren nach wie vor die Größen und Geschwindigkeiten der Schiffe. Nach 1860 war das größte von Bremen abgehende Schiff ein britisches mit 400 Passagieren, es gab aber auch kleine mit 60. Die Mehrzahl lag jedoch zwischen 2–300. Dies war eine günstige Größe für Maschinen und Einrichtungen.

Nach 1860 gab es nun feste Sätze für die Verpflegung etc. Wasser stand an erster Stelle, dann folgten Zwieback, Dörrfleisch und Dörrobst. Die seriösen Agenturen garantierten für medizinische Betreuung durch einen Arzt und eine gute Schiffsapotheke. Das hatte natürlich seinen Preis. So kostete die Überfahrt für Personen ab 12 Jahren auf dem Zwischendeck 80 £1. Abschläge gab es für Kleinkinder und Säuglinge. Neben der Verpflegung standen Schlafgestelle und Raum für Bagage zur Verfügung. Matratzen und Decken mußten selbst gestellt werden, das Gepäck ordentlich in Kisten und Säcken verpackt, damit der Stauraum ausgenutzt wurde. Geld, Wertsachen und Dokumente waren zur Verwahrung abzugeben und dem Befehl des Kapitäns ohne Widerspruch zu folgen. Natürlich gab es auch eine bessere Klasse, die Kajüte, geschlossene Räume und mit Betten. Der Preis 160–180 fl. Das alles zahlbar 1/5 bei Vertragsabschluß und 4/5 bei der Abfahrt.

Auch die Registrierungen waren nun ganz genau. Sie wurden ständig in der Bremer Auswandererzeitung veröffentlicht. So werden von 1861–1867 258.116 Passagiere angegeben, von denen allein 212.191 New York als Zielhafen angaben. Baltimore verbuchte noch 30.981, alle anderen waren inzwischen bedeutungslos. Für 1867 wurde erstmals auch die Herkunftsländer angegeben, damals waren es 3.453 aus Hessen-Darmstadt. Hauptreisemonat war der Mai, die Wintermonate blieben ausgespart. Hier waren es allein 15.081 Passagiere gewesen. Da viele Schiffe noch unterwegs zu luden, kommen wir auf mindesten 3 pro Tag. Bremen gibt als Gesamtzahl von 1832-67 1.019.630 an, die auf 6255 Schiffen über den Atlantik transportiert wurden. Wenn sich das hier so geordnet anhört, so gab es nach wie vor immer noch große Unterschiede. Wenn z. B. Plitt, Biedenkopf klagt, daß der »Weber« dem Zimmermann Becker aus Breidenbach in der Gaststätte Engelbach gesagt haben soll, daß er seinen Sohn, kurz vorher mit Plitt gefahren, für 65 fl. befördert hätte, so ging dies sicher auf Kosten der Sicherheit. Ähnlich war dies wohl auch im Jahre 1854 mit der Familie von Heinrich Heinzel aus Kleingladenbach gewesen. Nach seinem Vertragsabschluß soll er zwar von Thomä gewarnt worden sein, sah aber keine Rückzugsmöglichkeit mehr. Den Erzählungen nach haben sie die »Neue Heimat« nie erreicht. Das Schiff soll vor der Küste Piraten zum Opfer gefallen sein.

Kommen wir nun zu einem andern Kapitel zurück, der Finanzierung der Emigration, wie sie in amerikanischen Akten genannt wird, vor allem, wenn ganze Familien auswanderten. Auskunft darüber geben uns Kaufbriefe und Protokolle, wie sich auf dem Speicher von Säibe-Haus, dem Stammhaus der Scherers befanden.

Nach ortsüblicher Sitte wurde eine Versteigerung anberaumt, ein »Versträch«, in unserer Mundart. Ausgeführt wurden diese vom jeweiligen Ortsgericht. Dann wurde das Vermögen meistbietend versteigert. Die Häuser waren meist schon unter der Hand verkauft, da sich immer junge Leute fanden, die darauf warteten. Dabei half dann die gesamte Familie.

Schwierig wurde es, wenn mehrere Familien zur gleichen Zeit auswanderten, so im Jahre 1854 bei uns. Üblich waren damals Zahlungen in drei Zielen, d. h. wenn eine Versteigerung mitten im Jahr stattfand, war die erste Rate Weihnachten fällig. Die beiden anderen jeweils in den folgenden Jahren. Wurden längere Fristen verabredet, wurden erst für die späteren Zinsen berechnet. Nun wollten sie aber das Geld doch mitnehmen, es mußte also vorfinanziert werden. Außer der Bezirkssparkasse, der jetzigen Kreissparkasse, gab es ja zunächst noch keine Banken. Im Falle der Familie Petri 1854 übernahm der Papierfabrikant Jüngst aus Wallau deren Funktion. Er trat in Vorlage und die Käufer zahlten bei ihm ab, sicher zum allgemeinen Nutzen. Zehn Jahre später, 1864, bei Bürgermeister Adam Scherer übernahm das schon erwähnte Handelshaus Georg Plitt J. G. Sohn aus Biedenkopf die Finanzierung. Scherer hatte wohl schon lange darauf hin gearbeitet und nutzte die Erfahrungen von Bekannten und Freunden, bzw. seiner ältesten Tochter. Mit dem Rest seiner Familie, der Sohn war gerade 15 Jahre alt, folgte er, in der Tasche einen Wechsel über 4.000 fI. (Gulden) süddeutscher Währung per New York. Die Kosten der Überfahrt waren ja schon bezahlt, also eine schöne Summe. Sie hat es ihm dann ermöglicht, in Empire, Fond du Lac Country, Wisconsin eine Farm von 120 arce (48 ha) für 3.000 Dollar von einem Engländer zu übernehmen. In der Nähe wohnten Reitz, Wagner, Seibel, Krug etc. und keine zwei Meilen von der evangelisch-lutherischen St. Pauls Church entfernt, die 1860 gegründet worden war. Bruder Jost brauchte noch 10 Jahre, um seine Hypothek von 800 fl. für die zunächst die Gemeinde gebürgt hatte, letztlich bei der Spar- und Leihkasse abzuzahlen. Ein anderer Fall, vielleicht typischer als der vorgenannte, war der des Johannes Müller III., Wolzhausen. Zwei seiner Brüder waren schon drüben. In ungelenker Schrift und entsprechendem Deutsch schreiben diese aus Virginia, was sie als »Sigamacher«, oder auch sonst wo verdienten. Sie waren mit einem Segelschiff unterwegs gewesen, rieten aber, mit dem Dampfschiff zu fahren, da man den Aufpreis durch kürzere Fahrzeit rasch verdient habe. Da hielt es den »Hannes« nicht mehr, er wollte hinüber, seine Frau Elisabeth geb. Pfeiffer, aber zunächst lieber hier bleiben. Sie sollte dann später nachkommen. Vielleicht weil sie die bessere »Schreibe« hatte, beantragte sie 1860 beim Großherzoglich Hessischen Kreisrath einen Paß. Der wiederum befragte zunächst den zuständigen Bürgermeister Schwarz, Quotshausen. Letztlich landete das Gesuch beim Gemeinderath in Wolzhausen. Sie glaubten nicht an eine Rückkehr. »Wenn der einmal drüben ist, ist er fort«, schrieben sie. Es ist also keine Reise, sondern eine Ausreise. Bei dem geringen Vermögen der Müllers würde die zurückgelassene Frau schließlich der Gemeinde zur Last fallen. Zunächst müsse er alle Steuern und Abgaben zahlen, einschließlich dem Hauerlohn für das Losholz. Letztlich mußte Schwiegervater Pfeiffer schriftlich versichern, daß er im Notfall für seine Tochter aufkommen werde. Den Vernehmen nach soll es auch so gekommen sein. Dieser Fall zeigt aber auch, welche sozialen Aufgaben danach die Gemeinden hatten. Da ist es auch verständlich, daß die Gemeinde Wallau dem Jost Eckel 100 fl. gab für seine Ausreise nach Amerika. Man war ihn los für immer, hatte man doch ohnehin für ihn und seine Tochter aufkommen müssen. Wahrscheinlich hatte man für sie Ersatzeltern gefunden und so blieb sie zurück.

Auf diesem Gebiet gibt es in unseren Dörfern noch viele Überlieferungen, deren Wahrheitsgehalt kaum zu überprüfen ist. So erzählten bei uns in meiner Jugend die alten Leute von einem berühmt-berüchtigten Schäfer, der nach Hinterlassung seiner 7 unehelichen Kinder das Weite gesucht habe. Nach Jahren sei aus Amerika eine Karte angekommen, auf der er schreibt: »Er sei jetzt dort, wo man ihn hingewünscht habe, ans Ende der Welt, wo alle Wasser zusammenfließen. Er habe sich zwar geändert, aber nicht gebessert, denn alle Dinge hätten zwei Seiten, nur der Buchecker habe drei und die Gladenbacher Horst habe eine«. (Auf Wiesenbacher Seite hat sie einen anderen Namen).

In den 80er Jahren ließen dann in unserer Gegend die Auswanderungen nach. Einzelne emigrierten, um sich vom Wehrdienst zu drücken, andere kamen zur Ableistung desselben sogar zurück, um dann mit einer jungen Frau sich dort ein ordentliches Leben aufzubauen. Schwerpunkt für unser Gebiet war für die Handwerker aber nach wie vor Baltimore, was auch ein Brief des F. N. Bogen, Sekretär des Gouverneurs von Maryland, an den Bürgermeister Schmidt aus dem Jahr 1866 beweist. Vermittler war dessen »Freund Sonneborn«, der aus Breidenbach stammte. Dies gilt sicher noch stärker für Biedenkopf, deren Einwohnerzahlen ja noch viel mehr gesunken waren, als auf den Dörfern der Umgebung.

Für meine Heimat war und blieb es Fond du Lac am Winnebago-See, in Wisconsin. Hier blieb man fast unter sich, heiratete wiederum in der Mehrzahl Einheimische, mit denen man nicht nur deutsch, sondern auch Platt sprechen konnte. Man traf sich zum Kirchgang, war bei der Vielzahl amerikanischer Kirchen immer streng lutherisch. Die Farmen gediehen, wenn sie in der Masse auch viel zu klein waren. Hinzu kam, daß sie bei ihrem Kinderreichtum bald überquollen. Zehn bis fünfzehn Kinder waren keine Seltenheit. So kam es dann nach 1900 zum zweiten Zug in den Westen, bis zum Pazifik, oder in die Städte am Michigansee, Milwaukee, Sheboygan und Manitowoc in erster Linie, doch Chicago war auch nicht weit.

Heute aber sind diese Gebiete sicher noch stärker als andere deutschstämmig, doch gibt es wohl kaum noch einen Staat der USA, in dem nicht Nachkommen heimischer Auswanderer wohnen. Dies trägt sicher auch dazu bei, daß die Deutschen als ethnische Gruppe kaum noch eine Rolle spielen, obwohl ihr Familiensinn nach wie vor erhalten blieb.

Nachtrag: Über den Besuch der Reitz-Familie habe ich schon an anderer Stelle berichtet – der zweite Zug in den Westen. Vor einem Jahr – Anfang Mai 1995 – war Jack Wagner mit seiner Frau für eine knappe Woche in der alten Heimat. Er hatte seine Reise durch eine Frau aus München, die ein Reisebüro führt und ständigen Kontakt gerade nach Wisconsin unterhielt, hervorragend vorbereiten lassen. So stand sie auch als Dolmetscherin zur Verfügung und hatte den ursprünglichen Plan, sich in Gladenbach einzuquartieren, bald aufgegeben und war ins Hotel Lang nach Breidenbach gezogen. Damit konnten sie mit Göran Müller, der hier Kontaktperson war, von einem zum anderen Haus gehen und zum Abschluß noch einmal alle zu einem gemütlichen Treffen bei Lang einladen.

Wer war nun dieser Jack Wagner und was zog ihn zu uns? Zunächst einmal war er ein Käsefabrikant und hatte seinen Betrieb, der offensichtlich gut gegangen war, an zwei seiner Söhne abgegeben. So hatte er sich nun vorgenommen, in einer zweiten Reise nach »Old Germany« sich mehr mit seinen Vorfahren zu befassen. Bei der ersten kürzeren waren es die seiner Frau gewesen, welche allerdings auch später ausgewandert und damit auch näher waren. So war die Verbindung zu Gehanns in Wiesenbach entstanden.

Er selbst wußte zunächst nur, daß sein Vorfahre Jacob Wagner im Jahr 1841 geboren und mit seinem Bruder Heinrich nach Amerika ausgewandert war. Da Verwandte sowohl in Wiesenbach wie in Kleingladenbach wohnten, galt es zunächst einmal den Ursprung zu finden. Dies war relativ einfach. Auf die hiesigen Wagners konnte dies nicht zutreffen, wohl aber auf die Wiesenbacher, auf Baeckersch. Er war der 8. Sohn, das 15. Kind von Adam Wagner und Katharina geb. Strauch und war der jüngste Bruder meines Ur-Ur-Großvaters Adam Wagner, der mit seiner Frau Eva geb. Scherer als erster meiner Vorfahren in Kaspersch wohnte.

So konnte ich ihnen bei ihrem Besuch bei uns in vielfältiger Weise helfen und mit meinen Unterlagen aus Fond du Lac Country sogar Hinweise geben, denen sie nun selbst vor Ort nachgehen wollten. Der Clou war, daß sie mir einen Brief und eine Ahnentafel von Jeanette Dautermann zeigten, die ich bearbeitet hatte.

Anschließend flogen sie noch für eine Woche an die Riviera. Ein Zeichen, daß man an Käse, der sich über lange Zeit hält – „Trocken-Käse“, wie er sagte – gutes Geld verdienen kann.

A. R.

Anmerkungen der Redaktion

  1. s. Gericht KatzenbergWikipedia-logo.png